Neue Musik in Neue Liturgie

Neuer Wein in Neue Schläuche – Neue Musik in Neue Liturgie

von Pfarrer Markus Krauth (Aschaffenburg)

Liturgie, die sich in ihrem Grundanliegen ernst nimmt, kann Menschen nur dann ansprechen, wenn sie Raum, Zeit und Menschen so öffnet, dass sie in ihrem Innersten berührt werden. Nicht nur auf der Verstandes- oder Gefühlsebene – tiefer, geistig… Dann ist Liturgie, was sie ist, ein interaktives und interpassives spirituelles Ereignis innerhalb einer Versammlung.

Die Vor-Gabe der Liturgie ist hoch, anspruchsvoll, da voller Anspruch. Sie verdankt sich primär literarischen Quellen, genannt Hl. Schriften. Ein ideales, virtuoses Kontrastprogramm zur Banalisierung des Alltags bis heute, ja gerade heute.

Die 2. Vorgabe: Sie soll schlicht und einfach d.h. stimmig in der ästhetischen Sprache der Dinge und des Raumes sein. Nichts soll die Stille und Leere des liturgischen Raumes bleibend überlagern. Ein ideales Kontrastprogramm zum Dauerlärm und einer konsumistischen Selbstüberfütterung.

Was heißt das für die Musik im Gottesdienst?

Das zur Liturgie versammelte Volk Gottes kann sich nicht – und sei es noch so “modern” – mit Volksmusik oder Pop(ulär)-Musik begnügen. Liturgie ist keine Unterhaltungsveranstaltung mit wenigen biblischen Störelementen, die Menschen bestenfalls emotional, stimmungsmäßig berührt.

Die wieder entdeckte Gregorianik kann da bleibendes Qualitätsfundament für das gemeinsame Singen wie für neue Liedkompositionen sein. Doch Musik im Gottesdienst ist weit mehr als gemeinsames und dialogisches Singen. Wie biblische Texte durch die Predigt in ihrem IN-Halt für heutige Hörer freigelegt werden, so braucht es auch Musik, die in ihrer wortlosen Sprache, das Jenseits aller Worte zur Sprache bzw. Klang bringen kann.

Am Ansprechensten ist dabei wohl die freie Wortrede und freie Klangrede. Wenn schon das Sprachmaterial vom Prediger frei setzbar ist, um wie viel mehr das Klangmaterial für den improvisierenden oder auch komponierenden Künstler. Dass das ein kontemplativer und zugleich aktiver Vorgang ist, beschreibt der Hl. Dominikus mit seiner Empfehlung, die Prediger sollen nicht irgendwelche Interpretationen verkünden, sondern „contemplata tradere“ den Zuhörern empfehlen. Das, was sie im absichtslosen Einlassen auf einen Text geschaut haben.

Was auch für das Spiel der Orgel dabei gilt, verdanken wir vor allem der musikalisch spirituellen Re-volution von John Cage. Er hat unseren abendländisch, christlich vertrauten Musikbegriff radikal weit geöffnet hat. Er sprengte die „künstliche“ Verengung der europäische Musikgeschichte auf Tonalität und festen Rhythmus. Seit ihm ist ganz natürlich wieder alles Musik, von der Vogelstimme bis zum Motorgeräusch. Das Klangmaterial hat sich auf alle akustischen Phänomene radikal geweitet.

Jeder Klang der Natur oder Geräusch des Alltags oder der Technik ist gleichberechtigtes Material für heutige Kompositionen.

Und Gott sprach: „Siehe da, alles ist gut und schön!“ gilt nicht nur für alle visuellen, sondern auch alle akustischen Phänomene des Kosmos – eine schöpfungstheologisch und spirituelle Offenbarung von großer Bedeutung. Alles bekommt seine ursprüngliche Würde, keine Klangmöglichkeit wird ein oder ausgeschlossen. Alles ist Spur von und zu dem Unsagbaren und Unhörbaren, das Religionen „Gott“ nennen.

Genau diese in der autonomem Musik entdeckte universal, kosmische Dimension sollten wir Christen bei aller anfänglichen Fremdheit als Befreiung würdigen. Eine große Chance unsere verengten Frömmigkeiten, Spiritualitäten und Gottesbilder ähnlich radikal auf den all-dimensionalen Gott hin zu öffnen.

Gerade solch neue Musik ist in der Liturgie ein ideales Feld um das, worum es Liturgie geht, den Hörern erfahrbar zu machen. Das Feiern des Unbegreiflichen, alles Übersteigenden, um z.B. die kollektive Selbstversklavung unter den Gott „Chronos“ – erfahren und erlitten als Stress – zu lockern. Zu dieser spirituellen Befreiung von Zeitfiguren – so der Titel der neusten Komposition von Dominik Susteck – zu zeitloser Zeit kann gerade Neue Musik einen originären Beitrag leisten.

Es darf alles sein – wie im Leben. Gott ist alles Sein. Und bei diesen unendlichen Möglichkeiten von Musik können sich erschöpfte Genossen der Zeit am unerschöpflich Überraschenden je neu erquicken, weiten, tiefen und berühren lassen.

Dass die Diözese Paderborn das Wagnis mit dem Kompositionsauftrag an Dominik Susteck eingegangen ist, dafür kann man ihr nur gratulieren. Denn wenn in unseren Gottesdiensten nur noch Gebrauchsmusik zu hören ist, werden sie immer gebräuchlicher, gewöhnlicher und üblicher, was letztlich nur von Übel sein kann. Das Gegenteil von dem, was Liturgie spirituell zu leisten vermag. Sie braucht dann bald keiner mehr, da unbrauchbar für eine Suche nach spiritueller Orientierung und für eine Feier des zweckfrei Nicht: Machbaren.

Der neue Wein/Musik ist längst da. Wo sind die neuen Schläuche (Mt. 9,17)? Paderborn hat neuen Wein in Auftrag gegeben. Bleibt zu hoffen, dass er viele neue Räume/Gemeinden findet, in denen er genossen werden kann – weit über Paderborn hinaus.