Uraufführung in Paderborn

Uraufführung im Hohen Dom zu Paderborn

von Günter Kunert

IMG_0807„Zeitfiguren“ nennt der Kölner Komponist Dominik Susteck sein Orgelwerk, das 2014 als Auftragskomposition des Erzbistums Paderborn auf Anregung des Warburger Organisten Volker Karweg entstanden ist.

„Zeitfiguren“ ist eine zyklische Orgelkomposition, die am Freitagabend im Hohen Dom zu einer denkwürdigen Uraufführung kam. Das ist schon sensationell und großartig, wenn sich das Erzbistum für die „Neue Musik“ engagiert, hat diese doch bekanntermaßen nur eine kleine Lobby im Kulturbetrieb. Umso wichtiger ist dieses Engagement des Erzbistums und besonders das von Erzbischof Becker, der damit einer zeittypischen Tendenz, nämlich die der „völligen Entfremdung zwischen Kirche und Komponisten“ begegnen will.

Dominik Susteck (*1977), Komponist von „Zeitfiguren“ und Organist an der Kunststation St. Peter in Köln, ist ein prominenter Vertreter der avantgardistischen Komponistenszene, der in der Nachfolge von Peter Bares zahlreiche zeitgenössische Kompositionen in Köln (ur-)aufgeführt und auch komponiert hat.

Der literarisch – philosophisch Werkkommentar zu diesem Zyklus stellt „Musik als Zeitkunst – Klang als Zeitereignis“ in die Dimension der Erfahrung des Ich zwischen dem „Jetzt“ und dem „Noch nicht“. In der Tat ist dies ein zeitphilosophisch sehr anspruchsvolles und zugleich abstraktes Programm, das die Interpreten –allesamt Dekanatskirchenmusiker im Erzbistum und Domorganist Tobias Aehlig – in Anwesenheit des Komponisten vor besondere Herausforderungen stellte.

„Strahlen“ interpretierte die Dekanatskirchenmusikerin Helga Lange aus Siegen, rhythmisch diffizil weitet sich ein Terzmotiv zu einem Cluster aus, der einen Klangraum markiert, in dem sich Melodiegebilde entfalten, diese aufscheinen wie „Strahlen“. Helga Lange interpretierte den Satz mit dem Sensus des Atmosphärischen – keine aufdringliche Klanglichkeit, sondern den komplexen Notentext -hier ist alles minutiös notiert- zum Klingen bringend. Paderborns Dekanatskirchenmusiker Sebastian Freitag nahm sich des 2. Satzes an – „Verschlungener Gang“ der Melodien brachte Freitag in den Dialog von Turm- und Chororgel, die komplexen, sich wandelnden Melodien treffen sich, wirken wie gebrochen-gespiegelt und münden in Akkordgebilde, die im Schlussteil eine Bassgrundlage finden.

Domorganist Tobias Aehlig interpretierte den Abschnitt „Zeit“ – Punktklänge dominierten, Aehlig spürte das Jagen nach der Zeit, das Gejagtwerden in der Zeit nach, – in den mit dem Handballen zu spielenden Clustern zeigte er sinnfällig die Energie der Zeit, die sich im akkordischen Presto wieder verflüchtigte.

„Leuchten“ – in zarten Streicherklängen lotete der Warburger Organist Volker Karweg die Farben aus, ossizilierend die Klangflächen, die immer wieder durch Melodiegebilde auf Neues hindeuten, sich auftürmen und im flatternden Pfeifton verklingen. Der Dortmunder Dekanatskirchenmusiker Simon Daubhäußer spielte den Satz „Akkordecho“ – vielstimmige Tontrauben in der spannenden Raumwirkung von Turm- und Chororgel münden im Schlussteil in das „Verborgene“. Den Schlusssatz „Warten“ spielte Harald Gokus, Dekanatskirchenmusiker aus Rietberg-Wiedenbrück und spürte dabei den meditativen Charakter des Wartens, die Unfassbarkeit der Zeit stringent nach.

Dominik Susteck als Komponist dieser hochkomplexen „Zeitfiguren“ im Dom anwesend, bedankte sich nach dem überzeugenden Beifall bei den hervorragend disponierten Interpreten, die sich als engagiertes, der Neuen Musik zugetanes Kollektiv dieser Uraufführung hervorragend kollegial angenommen haben, bei Erzbischof Hans-Josef Becker für den Kompositionsauftrag und das theologisch deutende Vorwort zu diesem Werk und bei Diözesanmusikreferent Prof. Dr. Paul Thissen für die sorgenden Begleitung dieses Projektes.

„Neue Musik“ kann auch faszinieren, das zeigte das große Publikum, das konzentriert, meditierend, überrascht aufmerkend das komplette Langhaus des Domes füllte und reichen Beifall an Interpreten und dem Schöpfer Dominik Susteck spendeten. Darunter befanden sich auch Schüler/innen aus dem Gymnasium Brede/Brakel, St. Michael/Paderborn und St. Xaver/Bad Driburg, mit denen Dominik Susteck in Workshops Zugangschancen zur Uraufführung der „Zeitfiguren“ erarbeitet hat – ein musikpädagogisch äußerst ambitionierter und zugleich wichtiger Beitrag. Weitere Aufführungen des Orgelzyklus „Zeitfiguren“ sind in Rheda-Wiedenbrück (18.09.), in Warburg (25.10.), in Bielefeld (27.09.), in Frankfurt (03.10.) und in Köln (06.10.) geplant.