Werkeinführung

„Zeitfiguren“ von Dominik Susteck als Kompositionsauftrag des Erzbistums Paderborn

Einführende Worte zur Uraufführung am 11.9.15 im Paderborner Dom

von Paul Thissen

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Ich möchte zwar nicht behaupten, dass Paderborn nunmehr zum Mekka kirchenmusikalischer Uraufführungen geworden ist, aber bemerkenswert ist es schon, dass in einem Abstand von nur wenigen Wochen hier im Dom zwei Kompositionen aus der Taufe gehoben wurden bzw. werden, nämlich an Libori eine Messvertonung von Wolfgang Seifen und heute Abend das Orgelwerk „Zeitfiguren“ von Dominik Susteck, zwei Kompositionen, die unterschiedlicher kaum sein können und auf eindrucksvolle Weise die Pluralität heutigen Komponierens zu dokumentieren vermögen. Steht die Seifen-Messe in der Tradition des späten 19. Und frühen 20. Jahrhunderts, so eignet Sustecks Orgelstücken eine dezidiert moderne Haltung, was aber keinesfalls heißt, dass sie nicht auf Traditionen beruhen würden. Der Komponist selbst sieht das heute abend erklingende Werk im Kontext der christlich-programmatischen Orgelmusik Olivier Messiaens, hebt aber seinen transreligiösen, spirituellen Charakter hervor.

Das Komponieren für die Kirche ist heute sehr stark vom Gebrauchsdenken beherrscht: Die Musik darf nicht zu schwer sein, damit Laien sie ausführen können, und sie muss allgemein verständlich sein, damit niemand verschreckt wird und – wenn man es etwas provokativ formulieren will – eine allgemeine Wohlfühlatmospäre herrscht. Diese Anliegen sind verständlich und auch durchaus berechtigt, kontrastieren aber krass zum hoch entwickelten Materialstand, den die Musik im Verlauf des 20. Jahrhunderts erreicht hat. Was aus diesem Gegensatz resultierte, ist eine nahezu vollständige Entfremdung zwischen Kirche und zeitgenössischen Komponisten. Umso mehr ist Erzbischof Becker zu danken, dass er mit der Auftragskomposition ein – wenn auch gezwungenermaßen kleines – Zeichen gesetzt hat, das die Aufgeschlossenheit der Kirche auch avanciertem und nicht verzweckbarem Komponieren gegenüber dokumentiert, ganz im Sinne Papst Benedikt XVI., der einmal schrieb: „Eine Kirche, die nur noch Gebrauchsmusik macht, verfällt selbst dem Unbrauchbarem“.

Sustecks Komposition – ich deutet es bereits an – will nicht bewusst mit Traditionen brechen, wie es in den 60ger Jahren des 20. Jahrhunderts die Intention Bent Hambräus, György Ligetis und Mauricio Kagel war, die die ersten avantgardistischen Orgelwerke schrieben. Dennoch stehen die Zeitfiguren quer zu traditionellen Hörerfahrungen und -erwartungen. Wichtig ist also ein unvoreingenommenes Sich-Einlassen auf ungewohnte Klangereignisse. Sicherlich kann auch ein wiederholtes Hören hilfreich sein. Sie haben hierzu die Gelegenheit am 18. 9. in der St. Clemenskirche in Rheda, am 27.9. in der Zionsgemeinde in Bethel sowie am 25. 10. in der Warburger Altstadt-Kirche St. Mariä Heimsuchung.

Bild: Die Interpreten v.l.n.r. Volker Karweg, Harald Gokus, Tobias Aehlig, Simon Daubhäußer, Helga Lange, Sebastian Freitag